Das voraussichtlich letzte klassische WM-Match aller Zeiten wird ausgetragen - an einem Ort, der klassischer für ein Schachturnier kaum sein könnte. Dazu noch von den vielleicht besten Matchspielern des bisherigen Jahrtausends - was wollen wir mehr?
Das Gejammer der Burma-Listen-Gläubigen wegen angeblich mangelnder bubblepoints kann uns egal sein. Schade ist allein das Alter der beiden - oder genauer, dass es erst mit gehöriger Verspätung zu diesem Kampf kommt. Er wäre vor einigen Jahren wohl noch deutlich härter und spannender ausgefallen. Grund zur Freude ist dagegen das Alter der beiden - wie schön, dass es mit einem leicht entschleunigten System des WM-Titels noch möglich ist, dass die besten Spieler ihre Reife in die Waagschale legen können.
Gelfand über die letzten Jahre hinweg der beste Matchspieler der Welt gewesen - auf kurze Distanz, notgedrungen (weil eben sowohl Weltcupfinale als auch Kandidatenmatche nicht länger angelegt waren). Zwölf Partien sind aber eben auch nicht lang.
Er ist es schon fast immer gewesen - ältere Spieler mögen sich noch daran erinnern, dass er z.B. 1994 das Kandidatenviertelfinale gegen einen gewissen Kramnik gewann (der danach Weltmeister wurde, ohne je ein weiteres Kandidatenmatch zu gewinnen).
Anand hat hingegen bei der letzten WM gegen Topalow matchtaktische Schwächen gezeigt und den Kampf zwar mit viel Witz, etwas Glück und guten Sekundanten nach Hause gebracht: Aber, vergessen wir nicht, fast komplett ohne stehende Eröffnungen ab der 6. Partie. (Wie gesagt, schachlich desto beeindruckender, aber matchtaktisch zweifelhaft). Der Inder ist sichtbar weniger ehrgeizig als früher (die normale Schwäche der WM-Vorbereitenden schon in Abzug gebracht). Gelfand hat den Motivationsvorteil, ein Leben lang auf dieses Match hingearbeitet zu haben. (Nota Bene: Wer sich noch an das Gelfand-Wunder im 2007er WM-Turnier erinnern kann, weiß, wie er auf den Punkt vorbereitet ist).
Die Vorbereitung der beiden dürfte auf ähnlichem, ausgesprochen hohem Niveau sein, Gelfand kann das unbestreitbar größere Talent des Inders durch sein Wissen wettmachen.
Warum ist Gelfand dennoch nicht Favorit? Eine scheinbar schräge Frage - wir sollten aber bedenken, was alles im Match nicht zählt. Nicht zählt die höhere Elo-Zahl von Anand. Nicht zählt das höhere Alter Gelfands - so oft, wie er zurückgekommen ist, scheint er im Gegenteil einen guten Weg zur schachlichen Langlebigkeit gefunden zu haben. Nicht zählt auch die formal größere WM-Erfahrung des Weltmeisters - der Herausforderer hat, wie gesagt, dafür viel mehr Matche auf Messers Schneide entscheiden müssen. Nicht zählt auch Anands spätestens seit dem Kramnik-Kampf legendäre Vorbereitung: Gelfand ist genau der, der das neutralisieren kann.
Hingegen kann Gelfand auch in seinen stärksten Partien nicht immer sein Zeitproblem entschärfen: Wenn er wichtige Partien verloren hat, dann fast immer in Zeitnot, nicht aus der Stellung heraus. Er denkt zuviel: das bekannte Handicap eines Spielers mit grundsätzlich wissenschaftsähnlicher Herangehensweise an das Spiel. Bei knapper Zeit funktionieren seine Entscheidungen nicht gut genug, und das kann den Unterschied machen. Es wird ganz wesentlich, welche Art von Stellungen (bedenkzeitintensive oder nicht) aufs Brett kommen.
Anand hingegen hat ganz entgegengesetzt als Feind nur die Oberflächlichkeit des Genies: Wenn sein Gefühl ihn nicht warnt, macht er gerne auch mal schnell den zweit- oder drittbesten Zug. Das reicht nicht immer, heute noch weniger, aber immer noch oft genug.
Und dann bleibt noch das Tie-Break, die größte aller Fragen. Viel spricht (leider) dafür, dass das Match in einem solchen enden könnte. Und hier hat Anand trotz allem, trotz beeindruckender Leistungen Gelfands in Cup und Kandidatenmatchen, die besseren Chancen. Er war schlicht viele Jahre der beste Schnellschachspieler aller Zeiten.
Viel ist das nicht, und eng genug, um es bis zum Ende spannend zu machen. Wiewohl: Spannender wird der Anfang sein, nämlich die Frage, ob und wer eine erste Partie gewinnen kann. Nur wenn dies lange nicht entschieden wird, liegt die Spannung am Ende: im Tiebreak, womöglich nach zwölf Remispartien. Zwölf gehaltvolle Remis mögen für die eingefleischten Fans genügen, den Popularisierern und sonstigen Geschäftemachern nicht. Nur eine Option, aber eine mögliche: Es wird vermutlich der letzte klassische WM-Kampf sein (sagten wir wohl schon?). Genießen wir ihn.