Zweitverwerter (LV)

May 16th, 2012

Publisher’s note: This paper was retracted by the publisher as it was found that K. Ratchagit plagiarized a paper by V. N. Phat and P. T. Nam [Electron. J. Differ. Equ. 2005, Paper No. 58, 8 p. (2005; Zbl 1075.34074)].

Leider versteckt das African Diaspora Journal of Mathematics die Plagiatsnotiz zu Kreangkri Ratchagits “Exponential stability of linear nonautonomous systems” [10, No. 1, 79-86, electronic only (2010; Zbl 06035421)] hinter diesem Link - dagegen ist der Fall im Inhaltsverzeichnis nicht mehr auffindbar, und auch der Volltext ist verschwunden.

Letzteres ist auch deshalb schade, weil es ein besonders lustiger Fall von Abschreibefaulheit war - der Artikel endet nämlich mit

Therefore, we have the following α-stability condition:

und dann folgt plötzlich die Literaturliste. Man fragt bei diesem Anlass allerdings wieder, wer eigentlich beim Journal drübergeschaut hat - eigentlich nicht überraschend, dass man den peinlichen Fall derart versteckt.

René Stern 40

May 15th, 2012

Man selbst wird ja zum Glück nie älter, nur (seltsamerweise) die Weggefährten der Generation. Als Trost sei hier der (wenn ich richtig sehe) letzten Partie mit Turnierbedenkzeit erinnert, die folglich noch gar nicht so lange zurückliegen kann…

Stern, R — Teschke, O Bezirkseinzelmeisterschaft Rostock AK 13/14, Neukloster, 24.02.1986, 1-0

1.c4 Sf6 2.Sc3 e6 3.e4 d6?

Ein Jahr zuvor hatte es in der persönlichen Bilanz noch (etwas glücklich) 3:1 für mich gestanden, der deutliche Spielstärkeunterschied war zwischenzeitlich freilich schon sichtbar und zeigt sich auch in dieser Partie (in der der Ausgleich fiel). Von der Eröffnung überrascht, nimmt Schwarz schon eine sehr gedrückte Stellung in Kauf - natürlich 3…d5 oder c5, aber man muss erst einmal auf e5 die richtigen Rezepte wissen.

4.d4 Le7 5.g3 c6 6.Lg2 Sa6 7.Sge2 O-O 8.O-O c5 9.b3

BR :: BB BQ BR BK ::
BP BP :: BB BP BP BP
BN :: BP BP BN ::
:: BP :: ::
:: WP WP WP :: ::
:: WP WN :: WP
WP :: :: WN WP WB WP
WR WB WQ :: WR WK


Eigentlich noch kein sehr großer Vorteil, das g2-Fianchetto etwas verfrüht (aber natürlich Rostocker Kurt-Schule). Mit 9….e5 sollte man ihn lahmlegen, dann ist das Ganze durchaus für Schwarz spielbar, zumindest auf diesem Niveau. 9…Sd7?! 10.Lb2 Tb8? Völlig sinnlos, die Strafe=Eroberung von e5,d6 und Freilegung von h1-a8 folgt auf dem Fuße. 11.Sb5 Ta8 12.e5 dxe5 13.dxe5 Sc7?
Gehört nach c6, also unbedingt 13…Sb4 probieren. 14.Sd6 Tb8 15.Dd3

BR BB BQ BR BK ::
BP BP BN BN BB BP BP BP
:: WN BP :: ::
:: BP WP ::
:: WP :: :: ::
:: WP :: WQ :: WP
WP WB :: WN WP WB WP
WR :: :: WR WK


Weiß dominiert total. Auch der taktische Trick 15….Sxe5 endet in einer Ruine - 15…Sxe5 16.Lxe5 f6 17.Le4 fxe5 18.Sxc8 Txc8 19.Lxh7+ Kh8 20.De4; aber natürlich habe ich ihn nicht einmal gesehen. Ohnehin vergleichsweise besser ist das Ausharren mit 15…Se8 16.Sxc8 Dxc8 17.Tad1 Sb6 18.a4 Sc7 19.a5 Td8 20.De3 Sd7 21.Sc3

BR BQ BR :: BK ::
BP BP BN BN BB BP BP BP
:: :: BP :: ::
WP BP WP ::
:: WP :: :: ::
:: WP WN WQ WP
WB :: WP WB WP
:: :: WR :: WR WK


Schwarz hat eine gewisse Zähigkeit bewiesen und könnte jetzt sogar mit dem lange vorbereiteten 21….b5 einen Hebel anbringen (bei freilich weiterhin ganz schlechter Stellung. Es ist allerdings schwer, in gefühlt verlorener Stellung umzuschalten. 21…Sf8? 22.Txd8 Dxd8 23.Td1 De8 24.Se4 Sa6?

BR :: BQ BN BK ::
BP BP :: BB BP BP BP
BN :: :: BP :: ::
WP BP WP ::
:: WP :: WN :: ::
:: WP :: WQ WP
WB :: WP WB WP
:: :: WR :: WK


25.Sd6?!
Immer noch strategisch gewonnen, aber sofort tot wäre 25.Sf6+! gxf6 26.exf6 Sg6 27.fxe7 Dxe7 28.h4 - Analysediagramm

BR :: :: BK ::
BP BP :: BQ BP :: BP
BN :: :: BP :: BN ::
WP BP :: ::
:: WP :: :: WP
:: WP :: WQ WP
WB :: WP WB ::
:: :: WR :: WK


Weiter in der Partie: 25…Lxd6 26.exd6 Sd7 27.h4 Dd8 28.h5 Dxa5?

BR :: :: BK ::
BP BP :: BN :: BP BP BP
BN :: WP BP :: ::
BQ BP :: :: WP
:: WP :: :: ::
:: WP :: WQ WP
WB :: WP WB ::
:: :: WR :: WK


Sportlich - hier sollte doch vorbeugend 28…h6 geschehen.
29.h6?!
Knackt strikt positionell die schwarzen Felder, sofort aus wäre allerdings 29.Dg5 f6 30.Lxf6!! Sxf6 31.h6, was die schwarze Hilflosigkeit unterstreicht. 29…g6 30.f4! Dd8 31.Dc3 f6 32.Lh3 Kf7 33.g4

BR BQ :: ::
BP BP :: BN :: BK :: BP
BN :: WP BP BP BP WP
:: BP :: ::
:: WP :: WP WP ::
:: WP WQ :: :: WB
WB :: :: ::
:: :: WR :: WK


Schwarz ist dem Aufrollen hilflos ausgeliefert. Im Sinne der Damenausflüge sollte nun mindestens (am zähesten) 33….Df8 kommen, wenngleich die indirekte Deckung 34. De3! ausreicht und das Schicksal seinen Lauf weiter nimmt. 33…b6? Leistet nichts, nun würde auch 34. Ta1 sofort abräumen, aber Weiß spielt in der Zeitnot einfach konsequent und siegreich seinen Plan weiter. 34.f5 gxf5 35.gxf5 e5 36.Df3

BR BQ :: ::
BP :: BN :: BK :: BP
BN BP WP BP WP
:: BP BP WP ::
:: WP :: :: ::
:: WP :: :: WQ :: WB
WB :: :: ::
:: :: WR :: WK


Trotz der geschlossenen Stellung kann Weiß mit den L immer noch mehr anfangen als Schwarz mit den hilflosen Springern, von den anderen Figuren ganz zu schweigen.36…Dg8+ Das Racheschach. Illustrativ 36…Dh8 37.Dd5+ Kf8 38.De6 Dg8+ 39.Lg2 Df7 40.Ld5.


37.Kh2 Ke8 38.Tg1 Df8 39.Dd5 Df7 40.Tg8+ Sf8

BR :: BK BN WR ::
BP :: :: BQ :: BP
BN BP WP BP WP
:: BP WQ BP WP ::
:: WP :: :: ::
:: WP :: :: :: WB
WB :: :: WK
:: :: :: ::


Hatten wir schon auf die weiße Dominanz hingewiesen? In beliebig gewonnener Stellung der standesgemäße Abschluss:41.d7+ Dxd7 42.Txf8+ Kxf8 43.Dxd7 1-0

Max Frisch 101

May 15th, 2012

Ich schätze das Schach, weil man Stunden lang nichts zu reden braucht. Man braucht nicht einmal zu hören, wenn der andere redet. Man blickt auf das Brett, und es ist keineswegs unhöflich, wenn man kein Bedürfnis nach persönlicher Bekanntschaft zeigt, sondern mit ganzem Ernst bei der Sache ist –
„Sie sind am Zug! sagte er.

(Aus: Homo Faber.)

Arthur Schnitzler 150

May 15th, 2012

»Gestern hab ich übrigens die alte Golowski gesprochen”, fuhr Doktor Stauber fort.

»Die arme Frau«, sagte Herr Rosner.

»Wie gehts ihr denn?« fragte Anna.

»Wie wirds ihr gehen… Sie können sich denken… die Tochter eingesperrt, der Sohn Freiwilliger auf Staatskosten, wohnt in der Kaserne… Stellen Sie sich das vor, Leo Golowski als Patriot… Und der Alte sitzt im Kaffeehaus und schaut zu, wie die andern Leut Schach spielen. Er selbst hat doch nicht mehr die zehn Kreuzer, um das Spielgeld zu zahlen.«

(Aus: Der Weg ins Freie.)

Machen wir mal’n büschen WM-Stimmung (IV)

May 14th, 2012

Grünfeld die Zweite - was will man mehr! Wieder eine hochkarätige, von beiden auf Sieg angelegte Partie, in der diesmal einigs mehr an bunten Varianten aufs Brett kam (statt versteckt zu bleiben). Eine kleine taktische Schwäche von Gelfand, anderseits entgegen den Erwartungen stärkeres Zeitnotphasenspiel von seiner Seite. Das Endspiel war aber wohl auch bei besserer Behandlung durch Anand nicht zu gewinnen:
Anand, Viswanathan - Gelfand, Boris

WCh 2012  (3)   Moscow RUS

2012.05.14 D70

:: BR :: :: ::
:: BP :: BB :: BK BP
:: WP :: BP ::
BP :: :: ::
:: WN :: WR
:: WP :: :: WP ::
WP :: BR :: WP ::
WK :: WR ::


Der kritische Punkt des Endspiels war wohl hier erreicht - statt 31.Kb1 konnte Anand 31.Te7+ versuchen, wonach im Gegensatz zur Partie der sK nicht nach g6 kann. Jedoch gibt es nach Kf6 32.Kb1 Lf5+ 33.Sxf5

:: BR :: :: ::
:: BP :: WR :: BP
:: WP BK BP ::
BP :: :: WN ::
:: :: :: WR
:: WP :: :: WP ::
WP :: BR :: WP ::
:: WK :: :: ::


sogar zwei Remiswege: nach dem passiven 33…gxf5 34.f4 Txd6 35.Txb7 Tg8 36.Thxh7 Txg2 37.Thf7+ Ke6 38.Tbe7+ Kd5 39.Txf5+ Kc6 40.Te1 Kb6

:: :: :: ::
:: :: :: ::
BK BR :: ::
BP :: :: WR ::
:: :: WP ::
:: WP :: :: ::
WP :: :: :: BR ::
:: WK :: WR ::


hat Weiß zwar zwei Mehrbauern, kommt aber nicht weiter. Wer es komplizierter=aktiver liebt, macht 33….Td1+ 34.Kb2 Td2+ 35.Ka3 Tcc2 36.Ka4 Txa2+ 37.Kb5 gxf5, muss allerdings noch eine Falle umschiffen: 38.Th6+ Kg5 39.The6 Tab2 40.g3!

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:: BP :: WR :: BP
:: WP WR :: ::
BP WK :: :: BP BK
:: :: :: ::
:: WP :: :: WP WP
BR BR :: ::
:: :: :: ::


Und nun verliert 40…Txb3+? 41.Kc4 Tb4+ 42.Kc3 Td5 43.Tg7+ Kh5 44.Txh7+ Kg5 45.f4+ Kg4 46.Te3, aber 40…f4! reicht zum Unentschieden.

1/2-1/2

Machen wir mal’n büschen WM-Stimmung (III)

May 13th, 2012

Zwei Partien vorbei, und auf erwartet hohem Niveau - die erste gar weniger abtastend als vermutet. Vorteile Gelfand (gerade in Nr. 1), aber Anand hat das Gefühl dafür, was er riskieren kann (und was nicht), zu keinem Zeitpunkt verlassen - nicht umsonst gilt er als einer der hartnäckigsten (aktiven) Verteidiger.

Wenn es eines Beweises bedurfte, wie tief und breit die Vorbereitung aufgestellt ist, dann lieferte Gelfands Grünfeld zu Beginn den Beweis: Das ist keine Eröffnung, die man mal eben so spielt. Die richtige Wahl zum richtigen Zeitpunkt: In der ersten Partie sind zumeist beide noch übertrainiert, noch nicht im Match, und spielen folgerichtig nicht das beste Schach. Ergo: Eine selten gute Chance, mit Schwarz auf Sieg zu spielen!

Dass Anand dies ähnlich sah, zeigt die Wahl einer relativ sicheren Variante (die freilich für beide genug Stolpersteine bot). Gelfand war taktisch auf der Höhe; sein zu großes Schachverständnis hinderte ihn freilich daran, noch etwas mehr zu drücken (was von uns niederen Geistern durchaus erwartet worden wäre).

Die zweite Partie dann in fast erwarteten Bahnen - Gelfand vermied klug die Fallstricke der scharfen Slawisch-Varianten und wählte das derzeit objektiv matchtauglichste Abspiel, das praktisch keine Verlustgefahr, freilich auch nur dünne Gewinnchancen birgt.

Wer die erste Partie gewinnt, gewinnt (fast) das Match: Der schon eingangs angedeutete Eindruck erhärtet sich nach zwei Partien. Das mag vielen fade erscheinen, aber Schach ist nun einmal Remis - und vorerst macht diese Konstellation die kleinsten Nuancen der Begegnungen hochspannend. Einiges können wir schon in Richtung Eröffnungen ablesen:

1) Anand d4 statt e4 ist inzwischen keine Überraschung mehr. Der geschlossene Ansatz ist nun einmal tauglicher, wenn es ums subtile Abtasten geht: e4 kann man am Ende bringen, wenn es ums Ganze gehen sollte. Überhaupt ist e4 ja nur deshalb interessant, weil Russisch seit geraumer Zeit schwächelt: Ich wage zu vermuten, dass Gelfand es gar nicht als Schwarzer versuchen würde (und das will etwas heißen, war doch sein Russisch vor ein paar Jahren die vielleicht weltweit solideste Abwehrwaffe). Aber sein Sizilianer hat in den Kandidatenkämpfen einigen Respekt erheischt, und mit gutem Grund hat Anand diesen jetzt noch nicht antesten wolle.

2) Überhaupt: Was nicht aufs Brett kommt, ist inzwischen klarer: neben dem Russen dito der schwarze Katalane. Sichtlich haben weder Anand noch Gelfand Lust, sich in eine Massage zu begeben, die in den Händen eines technisch versierten Spielers den Titelvorentscheid bedeuten könnte. Anand hat es hier einfach - es gibt keinen Grund, auf d4 von seinem Slawen abzuweichen. Interessanter ist, was Gelfand auf das nächste 1. d4 Anands macht: Bleibt er bei Grünfeld (=Gewinnversuch und Selbstvertrauen auf eine dann mörderisch zu nennende Vorbereitung), oder kehrt er auf ihm vertrautere Pfade zurück?

Straßen und Schlachter

May 12th, 2012

Stefan Banach was arguably the most important mathematician of the 20th century. R. Kałuża, the author of the most comprehensive biography about Banach [Through a reporter’s eyes: the life of Stefan Banach. Basel: Birkhäuser (1996; Zbl 0849.01019)] considers him a national hero; and although there might be a little exaggeration in this attribution, it is certainly true that in most major Polish cities one can find a street bearing his name. (By contrast, the Germans are much less reverential since there is no Hilbert street in Hamburg, Munich, Cologne or Frankfurt; Berlin has one, but it is named after a local butcher.)

Der Beginn von Dirk Werners Referat zu “Stefan Banach: Remarkable life, brilliant mathematics. Biographical materials.” [Gdańsk: Gdańsk University Press; (2011; Zbl 05976149)] mag von einer gewissen funktionalanalytischen Voreingenommenheit geprägt sein - dem Straßennamenargument ist freilich wenig entgegenzusetzen. Selbst Gauß und Euler wurde ja erst relativ spät im Namensbild der Stadt verewigt, nur Crelle hält im Kern Berlins die Fahne der Mathematik hoch. Im 20. Jahrhundert scheint man noch gar nicht angekommen zu sein. Selbst die prädestinierten Neubaugebiete rund um Campusgründungen scheinen gut auf moderne Mathematik verzichten zu können.

Machen wir mal’n büschen WM-Stimmung (II)

May 11th, 2012

Das voraussichtlich letzte klassische WM-Match aller Zeiten wird ausgetragen - an einem Ort, der klassischer für ein Schachturnier kaum sein könnte. Dazu noch von den vielleicht besten Matchspielern des bisherigen Jahrtausends - was wollen wir mehr?

Das Gejammer der Burma-Listen-Gläubigen wegen angeblich mangelnder bubblepoints kann uns egal sein. Schade ist allein das Alter der beiden - oder genauer, dass es erst mit gehöriger Verspätung zu diesem Kampf kommt. Er wäre vor einigen Jahren wohl noch deutlich härter und spannender ausgefallen. Grund zur Freude ist dagegen das Alter der beiden - wie schön, dass es mit einem leicht entschleunigten System des WM-Titels noch möglich ist, dass die besten Spieler ihre Reife in die Waagschale legen können.

Gelfand über die letzten Jahre hinweg der beste Matchspieler der Welt gewesen - auf kurze Distanz, notgedrungen (weil eben sowohl Weltcupfinale als auch Kandidatenmatche nicht länger angelegt waren). Zwölf Partien sind aber eben auch nicht lang.

Er ist es schon fast immer gewesen - ältere Spieler mögen sich noch daran erinnern, dass er z.B. 1994 das Kandidatenviertelfinale gegen einen gewissen Kramnik gewann (der danach Weltmeister wurde, ohne je ein weiteres Kandidatenmatch zu gewinnen).

Anand hat hingegen bei der letzten WM gegen Topalow matchtaktische Schwächen gezeigt und den Kampf zwar mit viel Witz, etwas Glück und guten Sekundanten nach Hause gebracht: Aber, vergessen wir nicht, fast komplett ohne stehende Eröffnungen ab der 6. Partie. (Wie gesagt, schachlich desto beeindruckender, aber matchtaktisch zweifelhaft). Der Inder ist sichtbar weniger ehrgeizig als früher (die normale Schwäche der WM-Vorbereitenden schon in Abzug gebracht). Gelfand hat den Motivationsvorteil, ein Leben lang auf dieses Match hingearbeitet zu haben. (Nota Bene: Wer sich noch an das Gelfand-Wunder im 2007er WM-Turnier erinnern kann, weiß, wie er auf den Punkt vorbereitet ist).

Die Vorbereitung der beiden dürfte auf ähnlichem, ausgesprochen hohem Niveau sein, Gelfand kann das unbestreitbar größere Talent des Inders durch sein Wissen wettmachen.

Warum ist Gelfand dennoch nicht Favorit? Eine scheinbar schräge Frage - wir sollten aber bedenken, was alles im Match nicht zählt. Nicht zählt die höhere Elo-Zahl von Anand. Nicht zählt das höhere Alter Gelfands - so oft, wie er zurückgekommen ist, scheint er im Gegenteil einen guten Weg zur schachlichen Langlebigkeit gefunden zu haben. Nicht zählt auch die formal größere WM-Erfahrung des Weltmeisters - der Herausforderer hat, wie gesagt, dafür viel mehr Matche auf Messers Schneide entscheiden müssen. Nicht zählt auch Anands spätestens seit dem Kramnik-Kampf legendäre Vorbereitung: Gelfand ist genau der, der das neutralisieren kann.

Hingegen kann Gelfand auch in seinen stärksten Partien nicht immer sein Zeitproblem entschärfen: Wenn er wichtige Partien verloren hat, dann fast immer in Zeitnot, nicht aus der Stellung heraus. Er denkt zuviel: das bekannte Handicap eines Spielers mit grundsätzlich wissenschaftsähnlicher Herangehensweise an das Spiel. Bei knapper Zeit funktionieren seine Entscheidungen nicht gut genug, und das kann den Unterschied machen. Es wird ganz wesentlich, welche Art von Stellungen (bedenkzeitintensive oder nicht) aufs Brett kommen.

Anand hingegen hat ganz entgegengesetzt als Feind nur die Oberflächlichkeit des Genies: Wenn sein Gefühl ihn nicht warnt, macht er gerne auch mal schnell den zweit- oder drittbesten Zug. Das reicht nicht immer, heute noch weniger, aber immer noch oft genug.

Und dann bleibt noch das Tie-Break, die größte aller Fragen. Viel spricht (leider) dafür, dass das Match in einem solchen enden könnte. Und hier hat Anand trotz allem, trotz beeindruckender Leistungen Gelfands in Cup und Kandidatenmatchen, die besseren Chancen. Er war schlicht viele Jahre der beste Schnellschachspieler aller Zeiten.

Viel ist das nicht, und eng genug, um es bis zum Ende spannend zu machen. Wiewohl: Spannender wird der Anfang sein, nämlich die Frage, ob und wer eine erste Partie gewinnen kann. Nur wenn dies lange nicht entschieden wird, liegt die Spannung am Ende: im Tiebreak, womöglich nach zwölf Remispartien. Zwölf gehaltvolle Remis mögen für die eingefleischten Fans genügen, den Popularisierern und sonstigen Geschäftemachern nicht. Nur eine Option, aber eine mögliche: Es wird vermutlich der letzte klassische WM-Kampf sein (sagten wir wohl schon?). Genießen wir ihn.

Peter Weiss † 10. Mai 1982

May 10th, 2012
Zum Fest gehörte ein Jahrmarkt, mit Hahnenkämpfen, Ringkämpfen, Tänzen und Wettbewerben im Schachspiel. Farbige Papierdrachen stiegen auf, jeder mit einem Flötenrohr aus Bambus versehen, alle vielstimmig im Wind tönend.

(Aus: Notizen zum kulturellen Leben in der Demokratischen Republik Viet Nam.)

James Jones † 9. Mai 1977

May 9th, 2012

Against the inner wall sat a rare hexagonal Louis Treize chess table, with the pieces laid out in some opening.

(Aus: The Merry Month of May)

Freilich, welche Eröffnung damals in Paris  auf dem Brett stand, werden wir wohl ebensowenig erfahren wie den Namen, unter dem sich Achill unter den Frauen verborgen hat.